Jugendarbeit in Niedersachsen

Screenshot

informations- und kommunikationsorgan »korrespondenz« nr. 104 vom 16.05.2008

Jugendarbeit in Niedersachsen:
gestern – heute – morgen
(1977-2008)

Nachgefragt! 

Ein Gespräch mit Hans Schwab

Das Gespräch führte Jürgen Schrön (Ehemals LJR-Vorstandssprecher, Direktor der Weser-Ems-Halle Oldenburg, Rundfunkrat des NDR)  

Gesellschaftliche Entwicklungen, Vorgänge, Meilensteine, Positionen sind nie gradlinig, sie sind vielseitig und kurvenreich und besonders bunt, wenn es um Jugend geht. Wie bunt und vielseitig, das sollte einmal nachgefragt werden. Was liegt näher, als bei jemanden zu fragen, der die letzten 30 Landesjugendring-Jahre  mit einer Vielzahl bedeutender, innovativer und wegweisender Aktivitäten die Jugendarbeit in Niedersachsen wesentlich mitgestaltet und -entwickelt hat. Antworten auf Nachfragen zu wichtigen und auffälligen Schwerpunkten gab Hans Schwab, der mit ausgeprägtem Engagement und mit viel persönlicher emotionaler Ausstrahlung Positionen, Themen und Zielsetzungen des Landesjugendringes Niedersachsen mit Überzeugung beeinflusst und geprägt hat. Neben einem Rückblick ging es auch um eine Einschätzung der aktuellen Situation und Forderungen für die Zukunft.  

Die im Interview „Jugendarbeit in Niedersachsen: gestern – heute – morgen (1977–2008)“ sichtbar werdende Lebensleistung von Hans Schwab lässt sich als außergewöhnlich prägende Phase der niedersächsischen Jugendarbeit verstehen. Über drei Jahrzehnte hinweg wirkte er als gestaltender Motor, strategischer Impulsgeber und zugleich als integrative Persönlichkeit, die Strukturen nicht nur verwaltete, sondern aktiv weiterentwickelte.

1. Aufbau, Vernetzung und Modernisierung

Ein zentraler Schwerpunkt von Hans Schwabs Tätigkeit lag im systematischen Aufbau und der Stärkung der Jugendringstrukturen auf allen Ebenen. Früh erkannte er die Bedeutung funktionierender Orts-, Stadt- und Kreisjugendringe als Basis demokratischer Jugendbeteiligung.

Die von ihm initiierten regelmäßigen Informationsveranstaltungen sowie das bundesweit erste Jugendringhandbuch (1982) markieren dabei Meilensteine. Ergänzt wurden diese durch Programme wie:

• „Strukturschwache Gebiete“

• „Beratung & Vernetzung“

• „PROjugendringe“

Diese Initiativen zeigen Schwabs strategischen Ansatz: Strukturförderung, Qualifizierung und nachhaltige Unterstützung der Basis.

2. Information, Kommunikation und Öffentlichkeit

Ein weiterer zentraler Arbeitsbereich war die Modernisierung der Kommunikation innerhalb der Jugendarbeit. Mit der Zeitschrift korrespondenz schuf Schwab ein Medium, das weit über reine Information hinausging:

→ Es wurde zu einer Diskussionsplattform und einem identitätsstiftenden Kommunikationsraum.

Die enorme Publikationstätigkeit (über eine Million Exemplare) verdeutlicht:

• den Anspruch auf Breitenwirkung

• die Bedeutung von Wissensvermittlung und Professionalisierung

3. Pionierarbeit im Bereich neuer Medien

Besonders herausragend ist Schwabs Rolle als früher Wegbereiter digitaler Jugendarbeit. Trotz anfänglicher Skepsis gegenüber Computertechnologie führte er den Landesjugendring in eine Vorreiterrolle:

• Einführung digitaler Kommunikation (Mailbox „ljr-Dorf“, 1996)

• Frühe Internetpräsenz (1999)

• Aufbau des Jugendservers Niedersachsen (2003)

Damit erkannte er früh:

→ Digitalisierung als Chance für Partizipation, Vernetzung und Selbstorganisation

4. Stärkung des Ehrenamts und Professionalisierung

Ein Herzstück seiner Arbeit war die Aufwertung des Ehrenamts.

Die Entwicklung der Juleica (Jugendleitercard) stellt hierbei einen bundesweit bedeutenden Erfolg dar. Sie steht für:

• Qualifizierung

• Anerkennung

• Standardisierung von Jugendarbeit

Begleitende Kampagnen („Kampagne E.“, „PROjuleica“) zeigen Schwabs Fähigkeit, symbolische Politik mit konkreten Maßnahmen zu verbinden.

5. Jugendpolitik und gesellschaftliche Verantwortung

Schwab verstand Jugendarbeit stets als politische Aufgabe. Seine Arbeit griff zentrale gesellschaftliche Herausforderungen auf:

a) Soziale Fragen

• Jugendarbeitslosigkeit

• Bildungsungleichheit

• Abwanderung junger Menschen

b) Demokratieförderung

• Wahlprojekte (z. B. „neXTvote“)

• Jugendforen im Landtag

c) Friedens- und internationale Arbeit

• Engagement in der Friedensbewegung

• Aufbau von Kontakten zur UdSSR

• Förderung internationaler Jugendbegegnungen

d) Kampf gegen Rechtsextremismus

• Kampagnen gegen Rassismus

• Projekte in Bergen-Belsen

• Konzertreihe „Rock for Respect“

Hier zeigt sich:

→ Schwab verband pädagogische Arbeit mit gesellschaftspolitischer Haltung

6. Innovationen in Förderpolitik und Strukturentwicklung

Ein wesentlicher Erfolg ist seine Mitwirkung am Jugendförderungsgesetz (1981), das bis heute als eines der modernsten gilt.

Sein Ansatz:

• Konsensorientierte Mittelverteilung

• Verbindung von Landes- und kommunaler Ebene

• Förderung langfristiger Programme statt kurzfristiger Projekte

7. Querschnittsthemen: Fortschrittliches Denken

Schwab setzte früh Themen, die heute selbstverständlich erscheinen:

• Geschlechtergerechtigkeit (seit den 1980ern)

• Umwelt- und Klimaschutz

• Partizipation und Beteiligung

• Außerschulische Bildung

• Frieden und Abrüstung

Er bewies damit ein ausgeprägtes Gespür für gesellschaftliche Trends und zukünftige Herausforderungen.

8. „neXTgeneration“ – strategisches Vermächtnis

Mit dem Zukunftsprogramm „neXTgeneration“ (1997) gelang Schwab ein konzeptioneller Höhepunkt:

→ Entwicklung eines gemeinsamen Wertefundaments für die Jugendarbeit

→ Langfristige strategische Orientierung

Dieses Programm wurde zur:

• ideellen Klammer

• Marke

• Innovationsmotor

9. Persönlichkeit Hans Schwabs
(aus Sicht Jürgen Schröns)

Aus den Fragen und Formulierungen von Jürgen Schrön lässt sich ein vielschichtiges Persönlichkeitsbild rekonstruieren:

1. Engagement und Ausstrahlung

Schrön betont Schwabs „ausgeprägtes Engagement“ und seine „emotionale Ausstrahlung“.

→ Schwab war kein reiner Funktionär, sondern eine charismatische Führungspersönlichkeit.

2. Netzwerker und Brückenbauer

Die enge Zusammenarbeit (z. B. Weser-Ems-Halle) zeigt:

→ Fähigkeit zur Kooperation über institutionelle Grenzen hinweg

3. Strategischer Denker

Langfristige Programme, strukturelle Reformen und Innovationen weisen auf:

→ konzeptionelle Stärke und Weitblick

4. Dialogorientierter Führungsstil

Die konsensorientierte Förderpolitik und Betonung von Partizipation deuten auf:

→ kooperatives, integratives Führungsverständnis

5. Mut zur Veränderung

Sein Umgang mit neuen Medien zeigt:

→ Lernfähigkeit und Offenheit, auch gegenüber zunächst kritisch betrachteten Entwicklungen

6. Werteorientierung

Sein Engagement für Frieden, Demokratie und soziale Gerechtigkeit macht deutlich:

→ stark normativ geprägtes Handeln

10. Gesamtwürdigung

Hans Schwab hat den Landesjugendring Niedersachsen nicht nur verwaltet, sondern transformiert:

• von einer klassischen Interessenvertretung

→ zu einem modernen, vernetzten und innovativen Akteur der Jugendarbeit

Seine Leistungen lassen sich zusammenfassen als:

• Strukturaufbau und -sicherung

• Professionalisierung der Jugendarbeit

• Pionierarbeit in Digitalisierung und Kommunikation

• Stärkung von Ehrenamt und Partizipation

• Klare gesellschaftspolitische Positionierung

• Entwicklung langfristiger Strategien

Fazit

Hans Schwab verkörpert den Typus des engagierten Reformers im Feld der Jugendarbeit. In der Darstellung durch Jürgen Schrön erscheint er als eine Persönlichkeit, die Fachkompetenz, strategisches Denken und menschliche Überzeugungskraft miteinander verbindet.

Sein Wirken hat die Jugendarbeit in Niedersachsen nachhaltig geprägt – nicht nur organisatorisch, sondern auch inhaltlich und wertebezogen.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.